Sag mal, machst du eigentlich nur noch Illustration, oder auch noch Kunst?

Das ist eine arglos gemeinte Frage, die ich tatsächlich öfter gestellt bekomme und ein Punkt, zu dem ich mal meine Sicht der Dinge schildern sollte: Was ist für mich Illustration, was ist Kunst, wie werde ich Illustrator/Illustratorin, und wie funktioniert das alles überhaupt?

Erst einmal ist die Frage genau so schwierig wie die Frage, worauf sie aufbaut: "Was ist eigentlich Kunst?". Es gibt so viele unterschiedliche Definitionen von Kunst und die Kunst an sich ist dem Menschen so immanent, dass ich mich gar nicht erst an einer allgemeingültigen Erklärung setzen möchte. Wenn wir in der Kunst- und Menschheitsgeschichte zurückblicken, finden wir so viele Ausprägungen künstlerischen Schaffens, wobei dieses ganz unterschiedlichen Zwecken diente. Schon unsere Vorfahren verewigten sich in Höhlenzeichnungen, kleine Kinder fangen intuitiv an zu malen, sobald sie etwas Stiftartiges in die Hand bekommen, und keiner wird Leuten wie Dürer, Rembrandt und Michelangelo absprechen, Künstler zu sein. Dennoch unterscheidet sich das Kunstverständnis aus dem Mittelalter und der Renaissance zum Beispiel schon irgendwie vom heutigen, vielleicht dann doch etwas sehr verklären Bild. Kunst war eben auch Handwerk und diente damals auch als Mittel zum Zweck, den Lebensunterhalt zu bestreiten.

"In America, you're considered a real artist if you've made it into pop culture. In Europe, if you've been able to stay out of it." -  Twitter: @thedeadauthor


Als Künstler/in heutzutage wird man doch gar nicht mal so selten als jemand gesehen, der sich permanent selbst verwirklichen und Großes für die Nachwelt schaffen will, ohne dass ihm wichtig ist, dass er seine Rechnungen zahlen kann - es soll nur der ideelle Wert zählen; Illustratoren/-innen erschaffen "Kunst" für Geld und werden oft als minderwertigere Künstler/in wahrgenommen. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie oft ich auf diese doch sehr seltsame Einstellung treffe - gerade unter traditionellen Künstlern und Künstlerinnen! Dass das in einem krassen Gegensatz zu den astronomischen Preisen für Werke einflussreicher und namhafter Künstler oder Künstlerinnen am Kunstmarkt steht, wird dabei gern mal unter den Tisch gekehrt. In meiner Erfahrung ist das auch etwas sehr Europäisches. In den USA bist du als Illustrator/in einfach Künstler/in, zack, fertig. Da wird gar nicht groß unterschieden ob du "artist" oder "illustrator" bist.


Das gehört beides ganz einfach und selbstverständlich zusammen, was ich total angenehm fand, als ich im November in San Francisco zur Renegade Craft Fair war.

Kunst und Illustration? Wo ist denn nun der Unterschied?

"Ach du bist Illustratorin, ich dachte, du seist Künstlerin" ist so ein Standardsatz, der in meinem Kopf nur Fragezeichen aufwirft.

Ich ziehe die - sehr weiche und labberige - Grenze ganz woanders, eigentlich eher in einer ganz praktischen und ganz unideologischen Zone. Wenn ich freie Arbeiten mache, also eben diese ominöse "freie Kunst" erschaffe, arbeite ich ganz aus mir und dem, was mich persönlich inspiriert, heraus. Ich analysiere und reflektiere das, was mich umgibt und gebe das dann recht intuitiv als Kunstwerk wieder. Ich habe keine Vorgaben, ich mache, worauf ich Lust habe und setze das um, was mich ganz subjektiv beschäftigt. Das Bild hat dann einfach nur seinen Selbstzweck und nichts anderes.

 

Illustration hingegen hat schon im Vorfeld einen Zweck, der über allem steht. Illustrativer Arbeit geht meist etwas anderes voraus, ein journalistischer Text, eine Werbeidee, ein Produkt, dessen Verpackung gestaltet werden soll. Unter diesem Schirm und mit diesen Vorgaben arbeite ich dann - zwar auch möglichst frei, aber immer  an diesem von außen vorgegebenen Zweck und den Vorstellungen und Ideen des Auftraggebers entlang.

 

Aaaaaaber: Dennoch kann man mit Kunst, die vorrangig nicht für einen vorgegebenen Zweck entstanden ist, ganz wunderbar im Nachhinein als Illustration einsetzen, genau so, wie eine gute Illustration auch ohne das, was sie begleitet, als Kunstwerk ganz allein stehen kann. Wie man sieht, sind die Grenzen hier für mich fließend.

... und wie funktioniert dann dieses "Illustrieren" eigentlich?

Erst einmal muss man das, was man illustrieren soll, wirklich verstehen. Wenn ich zum Beispiel einen Piranha für einen Kunden zu einem wissenschaftlichen Text illustrieren soll, muss ich nicht nur den Text lesen und verstehen, sondern auch alles über Piranhas in Erfahrung bringen, was auch nur irgendwie geht. 

"Illustration ist ein schöner Beruf, der die Welt bunter macht, der sie erklärt und ein Stück Schönheit und Licht in unser Leben bringt." - Felix Scheinberger


Wie leben Piranhas, wie sehen sie aus, was fressen sie, wo schlafen sie, was ist das optisch herausstechendste Merkmal? Erst, wenn ich das Gesamtkonzept "Piranha" verstanden habe ist es mir möglich eine Illustration zu gestalten, die die wichtigsten Eigenarten dieses Tieres zur Geltung bringt, die spannend, vielleicht auch humorvoll und anatomisch sinnvoll ist. 

Wenn ich das Gefühl habe, dem Thema auf der Spur zu sein, beginnt für mich die Arbeit am Stift. Auch, wenn ich mittlerweile ebenfalls viel digital illustriere, beginnt der Arbeitsprozess für mich immer analog mit Stift und Papier; das hat bei mir persönlich viel mit "Flow" oder Rhythmus zu tun, ich lockere mich damit auf und erforsche das Thema ganz intuitiv auf Papier.


Wie ich in einem anderen Blogbeitrag schon schrieb, bin ich kein Meister in ewigem Vorausplanen und Kompositionsskizzen konstruieren. Das ist einfach nicht mein Ding. Es ist auch nicht so, dass Künstler/innen ein fertiges Bild im Kopf haben und das abzeichnen. Die Idee kommt beim Zeichnen und ich muss erstmal anfangen, um die vage und noch weiße Leere im Kopf mit irgendetwas zu befüllen. 

 

Die ersten Ideen müssen nicht fantastisch sein, deshalb zeichne ich in halb zerfledderte unattraktiv hässliche Skizzenbücher oder auf Kopierpapier, damit ich nicht dauernd das Gefühl habe "oh das muss jetzt super werden, das muss kreativ sein, bitte noch etwas humorvoll, irgendwie smart". Die guten Ideen, die meine Kunden und auch mich begeistert haben, kamen bei mir ausschließlich durch Zufall und so halb nebenbei, zum Beispiel beim Spazierengehen oder wenn ich eigentlich schon eine andere Idee ausarbeite, fast fertig bin und denke "Mist, das und das ist viel toller!". Dann heißt es: Ruder herumreißen und volle Kraft voraus!

 

Parallel halte ich immer Rücksprache mit dem Auftraggeber und versuche, seine Ideen und Wünsche so gut es geht umzusetzen. Man darf sich da aber auch nicht unterbuttern lassen, sodass etwas herauskommt, das weder dem eigenen Stil, noch dem Talent entspricht - immer im Kopf behalten: "Dieser Auftraggeber hat dich ausgesucht, weil er von deinem Stil, von deinem Portfolio angezogen wurde!" Bisher hatte ich immer das große Glück, mit erfahrenen Art Directors zusammen zu arbeiten, die mir genug Freiraum ließen, mein Potenzial zu entfalten, denn: Nur so kommt am Ende auch ein tolles Resultat dabei heraus, und ein guter Art Director weiß das.

Cool, und wie werde ich jetzt Illustrator/in?

Auch hier gibt es wieder so viele Antworten, wie es Illustratoren/Illustratorinnen gibt. Ganz klassisch geht man an eine Uni oder Kunstschule und studiert eben Illustration oder ein anderes künstlerisches und/oder designorientiertes Fach.

Ich hingegen habe einfach irgendwann angefangen, zu illustrieren, und bin da irgendwie so reingegrätscht. Gerade im kreativen Bereich gibt es wahnsinnig viele Quereinsteiger, da weniger der Lebenslauf, als auch wirklich das Können zählen. Man baut sich dann nach und nach eine Gruppe an Referenzen auf, sodass man nicht ganz nackt da steht und etwas vorzuweisen hat, wenn das denn unbedingt sein muss.

"Kreatives Arbeiten durch Erfindungsreichtum, Fantasie und Originalität ist eine mehr oder weniger angeborene Eigenschaft. Man kann es nicht vermitteln, aber herausfordern, kontrollieren und steuern." - Alan Male


Ich studierte Biologie und Philosophie, bevor ich Illustration in Hamburg begann, und witzigerweise erweisen sich diese beiden Studiengänge als absolut hilfreich für meine Illustratorinnenkarriere. Wenn ich einen Baum zeichne, mache ich das ganz anders als viele meiner Kollegen oder Kolleginnen, da ich um die Wuchsmuster der Äste weiß. Es wirkt dann gleich natürlicher und irgendwie "richtig", als wenn man einfach so irgendwelche Äste zeichnet. Wenn ich einen Auftrag bekomme, ein Tier zu zeichnen oder eine Naturillustration zu erstellen, weiß ich genau, was die herausragendsten Merkmale sind und worauf ich meinen Fokus legen sollte, damit der Auftraggeber zufrieden ist. 


Philosophie hat einfach mein Reflexionsvermögen und meinen Verstand geschärft, denn als Illustrator/in sollte man nicht nur gut zeichnen, sondern auch ausgezeichnet assoziieren und reflektieren können. Zudem muss man immer über das aktuelle Weltgeschehen informiert sein. Wenn Die ZEIT bei dir anruft und möchte, dass du last-minute einen Artikel zur Flüchtlingskatastrophe an den Grenzen Europas illustrierst und du einfach keine Ahnung hast, ist das ein Problem. 

Im Besten Falle bist du einfach nächtelang beschäftigt, das Thema nachzulesen, sodass du kaum Zeit für die eigentliche Illustration oder - haha! - Schlaf hast, im schlimmsten Fall trittst du mit deinen Entwürfen in ein politisches sehr delikates Fettnäpfchen und sorgst für Entsetzen in der Redaktion, weil du eben doch nicht ganz informiert warst. Vermutlich wirst du in Zukunft dann keine Anrufe mehr von dieser Redaktion bekommen.

  

Der Einstieg in die Illustration war und ist für mich mit harter Arbeit verbunden. Was man an der Uni didaktisch sinnvoll aufgearbeitet bekommt (und sich dann aber natürlich auch anstrengend einverleiben muss!), musste ich mir alles eigenständig zusammensammeln, dann lesen, ausprobieren, antrainieren. Ich sprach mit Illustratoren und Illustratorinnen,, Künstlern und Künstlerinnen, ich verfolg(t)e gespannt die Arbeit anderer kreativ arbeitender Menschen, ich lernte von ihnen, usw. Ich hätte wahnsinnig gern Illustration studiert, aber das war finanziell einfach nicht mehr drin. Wenn ihr die Möglichkeit dazu habt: Tut es! Der Austausch mit Professoren und Kommilitonen kann eine tolle dichte kreative Atmosphäre erschaffen, das hat mir sehr gefehlt, aber dennoch: Ich bin nun Illustratorin in Hamburg, und sehr glücklich damit!

 

Ob an der Uni oder als Quereinstieg: Illustration bedeutet viel Eigeninitiative, was jedoch schon mal eine gute Übung ist, wenn man freelancen will, wie ich es mache. Denn neben Kunst und Kreativität und aber auch Druck und Deadlines gehört noch so einiges anderes zum Beruf eines freien Illustrators/einer freien Illustratorin, nämlich das Wissen über Rechtssachen wie Arbeitsverträge, Lizenzen, Honorar und Co., und dann kommt noch der ganze Steuerkram dazu. Man ist also in jeder Hinsicht gut beschäftigt und sollte das alles gut vorausplanen und sich informieren, damit man irgendwann nicht vor einem Trümmerhaufen steht, weil alles irgendwie vorne und hinten nicht klappt.

So, ich bin jetzt Illustrator/in, glaube ich. Wo sind die Kunden?

Nun könnte ich eine wahnsinnig verliebte Ode an das Internet schreiben - ach, ich tu es einfach. Ohne das Internet wäre ich schonmal gar nicht Illustratorin geworden! Es bat und bietet mir die Inspiration und auch die Konkurrenz, die mir durch das Fehlen von Mitstudierenden fehlt. Es hat mir damals Mut gemacht, meine Sachen zu zeigen, meine Arbeit zu verbessern und Neues auszuprobieren.

 

Und genau dieses Internet versorgt mich auch mit Kunden. Ich habe dieses Portfolio hier, dann noch meinen Twitteraccount und meine Facebook-Fanseite. Alles begann jedoch mit meinem Tumblr-Blog, den ich leider aus Zeitmangel und auch Motivationslosigkeit kaum noch pflege, wo ich aber ganz schüchtern meine Bilder einer kleinen Öffentlichkeit präsentierte und mich vor allem mit anderen Kreativen vernetzte. Meine Kunden finden mich über Google, über soziale Netzwerke und über das typische Vitamin B. Daher mein Rat: Baut euch ein Netzwerk auf, tretet mit anderen Kreativen in Kontakt, organisiert euch in einem Berufsverband und vor allem: Zeigt eure Arbeit! Ihr solltet keine Scheu davor haben, euere Arbeit unter die Leute zu bringen. Druckt Postkarten und schickt sie an Agenturen oder Redaktionen, legt euch Social Media Profile an, macht auf euch aufmerksam und bringt Geduld und Beharrlichkeit mit. Baut euch ein aussagekräftiges Portfolio auf und zeigt es herum! 

Okay... aber, jetzt mal ehrlich: Kunst oder Illustration?

Beides. Immer. Dauernd. 


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Kommentare: 6
  • #1

    teik anders (Samstag, 25 April 2015 11:51)

    hallo, ich bin 17 jahre alt und gehe auf das gymnasium und würde gerne illustrator oder comiczeichner werden. der text ist total interessant! ich hoffe, dass ich an der kunsthochschule angenommen werde nach dem abitur. ich erstelle mir jetzt auch ein tumblr um meine sachen hochzuladen. danke für den tipp!

  • #2

    Jill (Samstag, 25 April 2015 12:26)

    Liebe Felice,

    ich finde den Text wahnsinnig gut geschrieben. Für mich ist auch ein Punkt weshalb ich dich als Künstlerin ansehe das du nicht boniert nur nach hinten schaust (was war Kunst im 20. Jahrhundert), sondern die Augen öffnest und den Wandel mit einbeziehst.

    In deinen neuen Poly Art Studien sieht man dein großes Kunstverständnis denn besonders für Illustration (im Vergleich zu Grafik Design) muss man auch einen Gesamtblick auf Proportion, Bildaufteilung und in diesem Fall die sinnvolle Anordnung der "Polygone" haben damit das Bild auch wieder zu erkennen ist. Es ist einfach ein neues Instrument mit dem die Kunst geschaffen wird und du kombinierst wunderbar beide Parts. ;) An der Wand hängen habe ich aktuell nur deine Zeichnungen, aber eine Tasche oder ein T-Shirt mit dem Koi würde ich sofort kaufen. Ach und da wären wir schon beim nächsten Künstler, denn Ich würde nur ungern Menschen wie Jean Paul Gaultier oder Joop absprechen Künstler zu sein.

    Kunst ist so wahnsinnig vielfältig, was davon man nun mag oder nicht liegt bei einem selber. Absprechen des Künstlertums sollte man aber wenn man selbst keiner ist nur mir äußerster Vorsicht, man könnte sich Jahre später in den Aaallerwertesten beißen.

  • #3

    Jana L. (Samstag, 25 April 2015 12:43)

    Hallo, ich finde deinen Eintrag super! Ich studiere selbst Illustration, und alle fragten mich direkt als Erstes: "Wieso nicht Kunst?!"

    Oh Mann! ;-))

    PS: Finde deinen Twitter Account mega lustig :-D

  • #4

    anja (Samstag, 25 April 2015 16:16)

    toll geschrieben! :-) Danke

  • #5

    Thorsten (Montag, 27 April 2015 09:20)

    Ein guter und interessanter Artikel über Illustration, auch für Außenstehende.

    VG
    Thorsten

  • #6

    Felix F. (Samstag, 06 Februar 2016 01:54)

    Toller Artikel, danke