Jedes Bild ist eine Reise

Gestern wurde ich gefragt, wie ich meine Wandbilder konzipieren würde. Ehrlich gesagt: Gar nicht.

Meist gibt es eine grobe Idee, entweder von mir oder von den Auftraggebern. Bis ich überhaupt einen Pinsel in die Hand nehme, kann sich das noch ziemlich ändern, und ich hatte schon Situationen (wie das aktuelle Wandgemälde), in denen ich dann vor der Wand stand und spontan etwas KOMPLETT anderes machte.

Ich arbeite eher selten und sogar etwas ungern mit Entwürfen und Skizzen, meist geht es spontan und direkt los. Bei Wandbildern ist es insofern besonders brenzlig, als dass es da ja kein Zurück mehr gibt. Ist die Farbe auf der Wand, ist die Farbe eben wirklich auf der Wand. Zack. Da muss man sich wirklich sicher sein und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten haben - und eine Portion Mut und auch ein bisschen Risikobereitschaft sollten ebenfalls vorhanden sein.

Beim Malen höre ich immer Hörbuch und arbeite mich dabei von Assoziation zu Assoziation. In der Regel komme ich ganz woanders raus als dort, wo ich eigentlich dachte, hin zu gelangen. Jedes Bild ist eine Reise und kann auch gern mal andere Wege einschlagen.

Dies alles gilt im Übrigen auch für meine Illustrationen. Ich fange an, arbeite die Illustrationen auch wirklich aus, die Deadline rückt näher, ich liege super in der Zeit und 2 Tage vorher verwerfe ich ALLES, weil ich dann auf einmal eine viel bessere Idee bekomme; dann rocke mich total runter, weil ich dann das, wofür ich sonst 7 Tage brauche, in zwei Tagen nonstop runterbreche. Und: Bisher war es jedes Mal so, dass das dann auf jeden Fall die bessere Variante war. Hätte ich die Illustration im Voraus geplant strukturierter und schneller fertigstellen können? Sicher. Wäre das aber die bessere Idee und damit die beste Variante für mich oder meinen Kunden gewesen? Nein.

 

Wenn man mir 7 Tage Zeit für ein Bild lässt und ich sofort anfange, kommen jeden Tag circa 5 Versionen raus. Ich glaube, ich könnte für immer an einem Bild weiterarbeiten, es wäre nie fertig. Irgendwann muss ich es eben an einen Verlag abgeben, und das ist dann der Cut und das ist total okay und alle sind zufrieden. Und je länger ich mit so einem Bild auf der Reise bin, umso weiter weg gelangen wir - eh klar. Und wenn ich mich dann umdrehe, bin ich manchmal ganz verwirrt, wie aus einem geplanten, einfachen Pflanzen-Wandbild ein riesiges und wuseliges Schwarz-Weiß-Lineart-Bild entstehen konnte.

 

Einen Plan gibt es aber bei all dem nicht immer; manchmal ist es ein Vorteil, manchmal ein Nachteil, das hängt ganz von dem geplanten Projekt ab. Ich kann mich natürlich auch anpassen und lange vorher planen, Entwürfe abgeben und die ausfertigen - innerlich weiß ich dann aber, dass ich hinter meinem Potenzial zurückbleibe, auch, wenn die Kunden und Betrachter total glücklich mit dem Ergebnis sind. Es fühlt sich einfach unnatürlich an, und ist nicht unbedingt mein Stil. Zum Glück hatte ich bisher meist Auftraggeber, wo ich meine "Illustrations-Anarchie" einfach ausleben konnte, beziehungsweise Kunden, bei denen ich genau deshalb ausgesucht wurde. Ich arbeite am Besten unter Druck, mit knappen Deadlines und mit relativ viel Spielraum bei den Illustrationen.

 

Und zu dem eigentlichen "Wie entstehen deine Bilder eigentlich": Keine Ahnung, ganz im Ernst. Sie passieren beim Malen oder Zeichnen. Viele Leute stellen sich vor, dass man ein Bild im Kopf hat und das dann quasi abzeichnet - so funktioniert das aber nicht. Wenn ich mich in jemanden verliebe, weiß ich ja auch nicht schon im Voraus genau, wie das Zusammenkommen und die Beziehung ablaufen wird, wenn ich mich ins Meer stürze, weiß ich auch nicht, wohin mich die Strömung trägt, und genau so ist es eben mit der Kunst. Es ist jedes Mal eine kleine Abenteuerreise mit ungewissem Ausgang.