"Die Anderen" - Zu den Figuren der Felice Vagabonde, ein Essay von Tim Altenhof

In The Cure's Musikvideo Boys Don't Cry in der Version von 1986 spielen die drei Bandmitglieder Robert Smith, Michael Dempsey und Lol Tolhurst vor einem abgehängten, in Falten liegenden Tuch in frontalem Scheinwerferlicht. Tatsächlich befinden sich die drei Bandmitglieder hinter der Leinwand. Während wir ihre Schatten wahrnehmen, sind unmittelbar zu sehen ihre spürbar jüngeren Avatare. Durch die Anwesenheit dieser beiden Zeitlichkeiten verschieben sich die Ebenen der Wahrnehmung bereits das erste Mal. Die Größe der Schatten und ihre verschrobene Maßstäblichkeit verweisen bereits auf das was folgt: Noch vor Ablauf der ersten Strophe beginnen sich die Schatten abzulösen, werden beseelt und beginnen ein Eigenleben, ihre Augen leuchten rot und von innen, als starrten sie in das Blitzlicht unserer Kameras. Dieser Dopplungseffekt lässt uns im Unklaren, denn eigentlich besteht die Band aus drei Mitgliedern, doch alles, was wir sehen, stellt sich uns als Wirklichkeit dar - wir sehen somit zwei vollständig verschränkte Gruppen. Jede der Figuren ist so in sich versunken, dass sich kein eindeutiges Beziehungsgeflecht abzeichnet. 


Nur die Schattenmenschen mit ihren roten Augen blicken uns unmittelbar an, ohne jedoch den Blick zu erwidern. Ihre roten Augen verweisen auf nichts außer ihre eigene Vitalität und gewähren doch keinen Zugang in ihr Inneres. All diese Figuren scheinen sich einzig versammelt zu haben für den Zweck ihrer Aufführung. Sie wissen um unser Dasein und nehmen uns dennoch nicht wahr. Die Figuren verbleiben in ihrer Isoliertheit und Beziehungen entstehen erst im Augenblick unseres Betrachtens. Gerade in ihrer Losgelöstheit finden sie etwas sehr Lebendiges. Die Gesten des Augenblicks sind das Einladende und erzeugen zugleich ein Teilhabenlassen auf Abstand.

Der kleine schwarze Junge blickt uns fordernd an - mit eben diesen Augen die auf nichts außer sich selbst verweisen. Sein Blick zeigt etwas Suchendes und macht uns damit unser eigenes Suchen bewusst. Es gibt keinen Punkt der uns Halt gewährt. Dort wo wir dem anderen gewöhnlich in die Augen blicken, uns aufhalten und verorten, finden wir nur ausuferndes Schwarz. Sein Suchen rinnt ihm aus den Augen, scheint so eindringlich zu sein, dass sich die Augen in konturlose Kraftfelder verwandeln, sein Drang zu finden, so stark, dass die Pupille über sich hinaus wächst und sich regelrecht auflöst. Die rechte Hand am Körper hängend, steht er vor uns, leicht im Hohlkreuz und mit kleinem aufgebauschten Bauche. Der linke Arm in der Bewegung eingefangen, zögernd, als wollte er nach uns tasten, so lange schon suchend, dass er uns nicht mehr wahrnimmt oder: uns nur noch sehen kann. Zeit- und ortlos steht er vor uns, isoliert, abgelöst von allem außer seiner selbst. Sein Ort ist das Hier und das wird zum absoluten Referenzpunkt seiner selbst. Er lässt uns im Unklaren; nur mit einer Stoffhose bekleidet wissen wir nichts über diesen Schmalschultrigen. Man will ihm eine warme Suppe reichen und doch nur einfach zuhören.  

 

Gerade durch die Herausgelösheit dieses Anderen verschiebt sich unsere eingespielte Wahrnehmung. Die Vieldeutigkeit und die suggestive Wirkung des Unausgesprochenen erzeugt die Tiefenwirkung der Anderen und die einzigen Beziehungen die sie sich aufzubauen vermögen, sind die zu uns - im Augenblick des Anblicks. Das erst bestimmt ihre Zeitlichkeit und verortet sie über das eigene hier hinaus im jetzt. Gerade was sie uns nicht mitzuteilen scheinen, scheint sich in die Haltung der Körper, in die Ausrichtung des Körpers einzuschreiben. 

Die Anderen tauchen auf. Doch tauchen sie nicht mit einem Mal auf, vielmehr sind sie bereits aufgetaucht. Sie waren schon immer hier gewesen. Weil die Figuren keinen Ort haben, der über ihr eigenes Hier verweist, dadurch, dass die Anderen von jeglicher Zeitlichkeit befreit scheinen, begegnen sie uns auch nicht wie unsergleichen. 

Ihr eigenes Hier ist absolut und kann im Gegensatz zu dem Ort, an dem sie sich zuvor aufhielten, niemals ein Dort werden. Durch die Begegnung mit der Ortlosigkeit der Anderen stellen sie die Frage nach dem Selbst, nach unserm eigenen Ort, nach unserer eigenen Zeitlichkeit. Wo sind wir selbst verortet, während wir diesen Anderen begegnen?

 

Mein Zugang zum Bewusstsein der Anderen verläuft immer über ihr körperliches Verhalten im Augenblick. Der Ausdruck des Körpers soll mir also Zugang zum Bewusstsein des Anderen vermitteln, doch ist dieses Bewusstsein nichts, was sich hinter oder in diesem Körper befindet, es ist vielmehr unmittelbar in den Ausdruck eingeschrieben. Körper und Bewusstsein fallen zusammen in einer Wahrnehmungsebene. Es kommt nicht erst der Körper (in seiner Funktion als Vermittler) um dann das Bewusstsein durchscheinen zu lassen. Dem Bewusstsein bereits ist immer schon etwas Körperhaftes innewohnend. Doch wie lässt sich der Andere verstehen, wenn nicht die eigene Körpererfahrung voraus geht? Auf die Bewusstseinszustände der Anderen kann ich einzig durch Analogie auf Grund meines eigenen Körperverständnisses schließen, solange ich voraussetze, dass das Bewusstsein der Anderen ebenso an ein körperliches Verhalten gekoppelt ist. Doch was verrät uns der körperliche Ausdruck und woher kommen diese Anderen? Sind sie Eindringlinge aus einer fernen Welt? Den Anderen kann ich erfahren, gerade weil ich mir selbst nie so nahe bin, dass der Andere völlig und radikal fremd und ganz unzugänglich erscheint. Eine immer schon bestehende Eigendistanz erst ermöglicht mir, den Anderen als solchen aufzufassen. Es gibt in uns bereits immer eine Differenz, das merken wir dann wenn wir still zu uns sprechen. Dann sind wir Sprecher und Zuhörer in ein und dem selben Augenblick. Finden wir uns in einer Konfrontation mit der radikalen Fremdheit? Die Anderen der Jaguar Felice scheinen schon vertraut, bevor wir uns das erste Mal begegnen und die jeweilige Begegnung entfaltet und verlautbart etwas, das schon von Anbeginn vorhanden war. Auf Grund der immer schon vertrauten Weggefährten gibt es eine Spur in eben diesem Jetzt.

Das transzendentale Andere, also eben dasjenige Andere, das auf radikale Weise unser Verständnis und unsere Erfahrung überschreitet, ist das was die Fremdheit im Vertrauten aufweist. Vertrautheit birgt immer schon Fremdheit in sich, dass bemerken wir oft erst in der Übervertrautheit: wenn wir beispielsweise die Worte Die Anderen zwei Dutzend Male wiederholen, wissen wir bald nicht mehr, ob diese Wörter so richtig ausgesprochen werden – sie erscheinen fremd. 


Selbstbestimmt und fremdgesteuert hängt der Kopf nicht nur an einem halben Dutzend Fäden. Er ist aufgerichtet, würdevoll und selbstbestimmt, als wäre nicht der Kopf derjenige, der an den Fäden hängt, sondern als wäre er überhaupt erst die Ermöglichung der Hand. Kopf und Hand erzeugen ein Feld, eine Verbindung, die sich in der Gespanntheit der Fäden versinnbildlicht und man will nicht so recht glauben, dass die Hand im Stande ist, den Blick zu lenken. Dafür ist das Wesen in seiner Hingabe zu gefestigt, sich seiner selbst zu vertraut. Die Hand wird mehr zum Schatten oder wirft den Schatten selbst, dann jedoch mit Eigenleben. 


Der Blick der Anderen ist oft abgewandt, als wollten sie sagen: schau doch, sieh doch nur was ich erblicke! - als erblickten sie in ihrer Bildebene etwas, dass uns auf alle Zeiten verborgen bleibt. Wer lenkt den Blick der Anderen, wenn es nicht die Hand ist aus dem Off? Und was ist es, das sie bannt?


Bilder werden entweder zu eigenen Objekten in der Welt oder helfen uns, die Welt in der wir sind anders wahrzunehmen. Durch die Begegnung mit den Anderen verschieben sich unsere eingespielten Wahrnehmungsmuster. Durch das Herausgerissensein der Anderen aus der Welt, durch das Eingewobensein in ihrer Bildebene, durch die oft abgewandte Körperhaltung, das Fehlen des Körpers oder das Fehlen des Kopfes, durch den Anblick im Halbprofil und eben weil sie uns taxieren, fordern sie uns auf in ihre Welt einzutreten. Nicht sie sind die Eindringlinge, sie machen uns zu eindringenden Gästen in ihre Bildebene und sie tun dies so bestimmt, so selbstgewiss, dass wir Zugang finden zu ihrem Hier. Aus unserm Hier wird bald ein Dort. Unsere Augen glühen rot, wir schlüpfen hinter sie und beginnen zu tanzen.


Über den Autor

Tim Steffen Altenhof, *1980 in Singen, Süddeutschland.


Nach seinem Abitur, dem Zivildienst und vielen Reisen begann Tim sein Architekturstudium an der Bauhaus Universität in Weimar. 2004 zog er nach Wien um in Greg Lynns Meisterklasse an der Universität der angewandten Künste zu studieren. Den Master in Architektur erhielt er 2009 von der Akademie der Künste, Wien.


Tim arbeitete unter anderem für Cloud9 - Barcelona, Treusch Architecture - Wien, KMT/n-o-m-a-d - Wien und Zaha Hadid Architects in Hamburg.

Seit 2012 ist er ein PhD - Stipendiat der Yale Universität in New Haven, Ct., USA, und studiert dort Kunstgeschichte und Architektur.

www.timaltenhof.de